ND / 19. 11. 2003

 
Keiser-Ausgrabung der Berliner Kammeroper

Wo Händel lernte

Von Lucie Walter


Es gibt mehrere grüne Hügel in Markus Meyers Ausstattung. Hat nichts mit Bayreuth zu
tun. Dafür mit Hamburgs Gänsemarkt. Denn der fast auf den Tag genau vor 300 Jahren dort, in der ersten Bürgeroper des Reinhard Keisers, uraufgeführte »Verführte Claudius« wird von der Berliner Kammeroper überaus eindrucksvoll wiederbelebt. - übrigens vor-
wiegend auf einem roten Dreieck, das als Vorbühne hinzu kam. Denn gespielt wird, auf ein paar Tage angemietet, im ansonsten verrammelten, da insolventen Moabiter Hansa-Theater.

Händel, ganze 18 Jahre, saß damals unter den Geigern, hat zugegebener Maßen (und auch verleugnend, indem er ein wenig abschrieb) von Keiser unendlich viel für sein ei-
genes Schaffen profitiert. Keiser, lange unterschätzt, wird zunehmend wiederentdeckt. Von seinen vermutlich über 60 Opern sind wenige überliefert. Der Bremer Gitarrist und Dirigent hat sechs davon wieder uraufführungsfähig gemacht, indem Noten gedruckt werden konnten, und vier davon selbst uraufgeführt mit seiner Capella Orlandi, 2001 schon den »Tempel des Janus« als Inszenierung der Berliner Kammeroper.
Nun also den »Claudius«. Um den es so sehr gar nicht geht in Hinrich Hinschs leicht fadem Libretto. Mehr um das ehebrechende Liebespaar Messalina (Doerthe Maria Sand-
mann, Knut Schoch) und die lange unerwiderte Liebessehnsucht der Calpurnia (Eva Ten-
kanen). Claudius wird weniger ver- als an der Nase herumgeführt. Was wohl im hansea-
tischen Hamburg nur zeigen sollte: So verkommen geht es an den Fürstenhöfen zu!
Was Keiser nicht hinderte, innige Arien und Duette zu schreiben, dazu tänzerisch Frisches. Eine alles andere als verstaubte Musik. Kunstfertig und doch einfach. Der Kom-
ponist greift seiner Zeit voraus, die meist nur auf ariose Strukturen eine Solonummer nach der anderen setzte, oft mit endlosen Wiederholungen. Aber hier gibt es Äuße-
rungen schon bis zum Quartett und Quintett. Freilich musste ausgelichtet werden: Zwei Stunden Musik sind gestrichen, der höchst anregende, sängerisch und instrumental per-
fekte Abend wurde auf ein normales, heutiges Maß gebracht. Das Bremer Orchester sitzt im Oval, so dass die Spieler aufeinander eingehen können. Der Chef greift tüchtig selbst in die Saiten der alten Chitarrone. Matthias Remu's Regie ist mehr Arrangement, auch mit interessanten Maskierungen.