Berliner Morgenpost / 20. 10. 2003

 
- Oper -

Kaleidoskop der Liebesschmerzen

Von Ma.H.


Die Bühne ist ein einziges Liebeslazarett. Nicht weniger als sieben liebeskranke Römer
laufen ihren Angebeteten hinterher. Sie wollen ihr Glück mit allen Mitteln erzwingen: mit Schmeicheleien, List, Magie, notfalls auch mit Erpressung. Und auch der Heißhunger nach Macht wütet unter den katzbuckelnden, intriganten Höflingen in Reinhard Keisers Oper "Der verführte Claudius". Der Komponist dreht unentwegt am Kaleidoskop der Liebesschmerzen. Eine Verzweiflungsarie jagt die nächste. Trotzdem wird der Dreieinhalb-Stunden-Abend nicht lang. Dafür sorgen eine gewitzte Inszenierung, das solide Ensemble und vor allem Keisers farbenprächtige Musik.

Mit der Geschichte vom römischen Hof nahm der Komponist vor 300 Jahren die Zustände an europäischen Königshäusern aufs Korn. Er prangerte Sittenverfall und Günstlingswirtschaft an. Keiser war damals eine Berühmtheit. Heute stehen seine Opern nicht mehr allzu oft auf den Spielplänen.

Der Regisseur Matthias Remus hat den lüsternen Hofstaat mit den ständig wechselnden Begierden in die siebziger Jahre verlegt. Da kann Eeva Tenkanen als Hippiehexe Calpurnia Geister und Dämonen mit dramatischer Durchschlagkraft beschwören. In Markus Meyers spektakulärem Bühnenbild aus gelben Bodenwellen und einer transparent schillernden Plastikwand leistet Doerthe Maria Sandmann ihre warmen, innigen Liebesschwüre.

Raimonds Spogis mimt glaubwürdig den arglosen Kaiser Claudius, der sich von seinen Höflings-Mafiosi umgarnen, massieren, maniküren und über den Löffel balbieren lässt. Unter den Günstlingen fällt Melanie Hirsch auf, die als liebestoller Narcissus so nuancenreich zwischen Schwärmerei, Wut und Verzweiflung wechselt.

Reinhard Keiser ist ein Meister der effektvollen Instrumentation, und mit Thomas Ihlenfeldt und seiner Capella Orlandi Bremen sind elf Keiser-Spezialisten am Werk. Eine Barockrarität auf Erfolgskurs.

"Der verführte Claudius": Hansa-Theater