Berliner Zeitung / 17. 11. 2003

 
Das erste Werk für ein öffentliches Opernhaus

Reinhard Keisers Barockoper "Der verführte Claudius"
im Hansa-Theater


Von Wolfgang Fuhrmann


Die Barockoper gilt als Fürstenspektakel, und in der Tat tummeln sich in Reinhard Keisers "Der verführte Claudius" die hohen Herrschaften nur so auf der Bühne; die Titelfigur ist ein römischer Kaiser. Wer aber glaubt, Keisers "Claudius" sei ein Spektakel nicht nur über, sondern auch für Fürsten gewesen, der irrt: Das Werk ist für die erste öffentliche Oper Deutschlands geschrieben worden, das Hamburger Theater am Gänsemarkt, zu dem sich jeder mit einem öffentlichen Billett Zutritt verschaffen konnte. Und als Keiser 1703 den "Claudius" auf die Bühne brachte, stand er knapp davor, die Leitung des Theaters selbst zu übernehmen. Immerhin 60 Jahre, von 1678 bis 1738, haben musikbegeisterte Hanseaten ihre Oper erhalten; ganz ohne Zuschuss von Diplomaten des Reichs, Dänemarks und Preußens kam sie freilich auch nicht aus.

Wie angemessen erscheint es da, dass "Die verdammte Staat-Sucht oder Der verführte Claudius", so der volle Titel des Werks, nun als Produktion eines privaten Vereins, der Berliner Kammeroper, in Berlin zu sehen ist. Zwar kann auch die Kammeroper nicht auf öffentliche Subventionen (Senat und Bund) verzichten - Berlin ist nun mal nicht mit Pfeffersäcken gesegnet, und auch in Hamburg haben sich die Zeiten ja geändert - aber es gab auch Geld von DaimlerChrysler und Unterstützung der Firma TSE (Technik und Service für Events).

Wie jede Produktion der BKO ist auch diese eine Berliner Erstaufführung. Sie zeigt im Hansa-Theater, wie sich ein interessantes Werk mit engen Mitteln beispielhaft realisieren lässt. Sehr stadtrepublikanisch hat das Libretto von Hinrich Hinsch die Verdorbenheit der römischen Kaiserzeit vorgeführt: Kaiser Claudius, der vor Liebe blinde Herrscher, will nicht wahrhaben, dass seine Frau Messalina drauf und dran ist, sich in eine Affäre mit Silius Italicus zu stürzen. Silius wiederum trachtet Claudius sogar nach dem Leben, um Messalina für sich zu besitzen. Der Höfling Narcissus, der da klarer sieht, versucht Silius Doppelspiel aufzudecken und hofft damit auch, die Liebe der Messalina zu erringen. Calpurnia wiederum - nun, man sieht schon, dass die Konstruktion des Ganzen dazu dient, zwischen den von ihren Leidenschaften umgetriebenen Personen in regelmäßigen Abständen den Affektknoten zu schürzen, der nach einer Arie verlangt. Dass Claudius zuletzt die "clementia" des Herrschers hervorkehrt und Gnade vor Recht ergehen lässt (sein historisches Vorbild ließ Messalina hinrichten), ist dann doch ein Zugeständnis an die höfische Tradition.

Reinhard Keiser war ein Musikdramatiker von hohem Rang. Seine Arien sind meistens kurz und prägnant, eine Person wird oft in mehreren Nummern hintereinander in das Licht wechselnder seelischer Zustände gesetzt, wobei die klangfarblichen Möglichkeiten des Orchesters geschickt genutzt werden. Auf Koloraturen verzichtet Keiser fast ganz, auch fühlt er sich noch nicht an die Da-capo-Arie gebunden.So ist zu Beginn des zweiten Akts die Liebeserklärung des Silius an das Bildnis der Messalina, "Schöner Augen holder Brand", eine geradezu unendliche Melodie im Wechselspiel von Oboe und Stimme, die anschließende Überlegung des Claudius, ob sein Höfling untreu sei ("Der Verläumdung Aberwitz") dagegen von heftigen kurzen Phrasen und einer stampfenden Fagott-Grundierung gekennzeichnet, und wenn Silius durch die Gunsterweisung des Kaisers verwirrt ist ("Schlaft ihr noch, bestürzte Sinnen"), dann skizziert Keiser diese Situation nur mit wenigen Strichen.

Mit Doerthe Maria Sandmann als Messalina, Knut Schoch als Silius und Melanie Hirsch als Narcissus verfügt die Produktion über drei Sänger, die in Arie wie Rezitativ die Stimme als Träger des wankelmütigen Affekts mustergültig realisieren (nur Hirschs szenisches Porträt des Liebeskranken leidet an verzweifeltem Über-die-Bühne-Trampeln). Die Inszenierung von Matthias Remus setzt denn auch auf die Ebene des Privaten, auf das psychologisierende Kammerspiel. Sie setzt auch auf geläufige Modernisierungsgesten - Claudius als Dandy, der Feldherr Curtius Rufus als Anzugträger - ohne dieses Moment allzu stringent zu verfolgen. Wie das Verhältnis von öffentlicher Macht und privater Sinnenverwirrung zu denken wäre, dazu sagt die Inszenierung nichts, also auch keine Plattitüden.

Die Capella Orlandi Bremen unter Thomas Ihlenfeldt spielt mit durchaus dramatischem Zugriff, mit Sinn für die Kunst, Einschnitte, Absätze, Ausrufungszeichen zu machen, die Keisers Hamburger Kollege und Bewunderer Johann Mattheson später als "Incisionslehre" zu einem wesentlichen Bestandteil seines Konzepts der Klang-Rede machen sollte.

"Der verführte Claudius" // Musik: Reinhard Keiser. Libretto: Hinrich Hinsch. Musikalische Leitung: Thomas Ihlenfeldt. Regie: Matthias Remus. Bühnenbild: Markus Meyer. Kostüme: Barbara Kessler. Lichtdesign: Gernot Kayser. Ausführende: Raimonds Spogis (Claudius), Doerthe Maria Sandmann (Messalina/Heros), Melanie Hirsch (Narcissus/Dido), Dorothe Ingenfeld (Callistus), Ulrike Bartsch (Pallas), Eeva Tenkanen (Calpurnia), Knut Schoch (Silius/Rhadamantus), Mona Spägele (Medea/Erynnis/Parthenia Vibidia), Bruno Fath (Curtius Rufus/Minos/Geist von Accius Navius), Lars Grünwoldt (Leander/Pluto), Capella Orlandi Bremen.