Freiheit Hohenmölsen / September 1983
 

Aus der Heimatgeschichte


Weltbürger und 'Feuergeist'
als Muster eines Meisters
Auszug
1983

Wir setzen heute unsere Reinhard-Keiser-Biographie mit dem 2. Teil fort.
Wahrscheinlich durch Schelles Vermittlung, der vor seiner Anstellung als Thomaskantor in der Hofkapelle Braunschweig war, kam Reinhard Keiser nach siebenjähriger Schulzeit in der Thomasschule zur Hofkapelle nach Braunschweig, dessen Leiter der Weltbürger und 'Feuergeist' Johann Siegismund Kusser (1660 bis 1727) war. In Pressburg geboren, am Hofe Ludwig des XIV. unter dem Hofkapellmeister Jean-Baptiste Lully ausgebildet, in Braunschweig, Hamburg, Stuttgart und Irland wirksam, in Dublin gestorben, wird Kusser von seinen Zeitgenossen als Muster eines Kapellmeisters und Organisators angesehen. Durch Kusser kam Keiser nach der vorwiegend Kirchenmusikausbildung in Leipzig mit dem Opernwesen und -komposition in Verbindung. In Braunschweig komponierte Keiser 1694/95 seine ersten fünf Opern, die hier in Wolfenbüttel, Salzthal und auch schon in Hamburg aufgeführt wurden. Der Librettist war der Braunschweiger Hofdichter Friedrich Christian Bressand.

Erste stehende Volksoper wurde Keisers neue Stätte
1694 ging Kusser an die Gänsemarktoper nach Hamburg und schaffte in kurzer Zeit die technisch-organisatorischen Voraussetzungen und ein geschultes Sänger- und Schauspielerensemble für die erstaunliche Blüte der Oper unter der nachfolgenden Leitung von Reinhard Keiser. Nach Kussers Abgang in Braunschweig wurde Keiser als "Kammerkompositeur" sein Nachfolger. Kusser verließ 1695 Hamburg wieder und geht nach Stuttgart. Dass Keiser bereits unter Kusser in Hamburg gearbeitet hat und es zu einem Zerwürfnis beider gekommen ist, wie in älteren Biographien behauptet wird, ist irrig und unbegründet. Zwar hat Keiser zur Aufführung seiner Opern Hamburg öfter besucht, doch erst 1697 ist er endgültig nach dorthin übergesiedelt.

Die Gänsemarktoper in Hamburg war die erste deutsche stehende Volksoper, wurde von dem Ratsherrn Gerhard Schott nach italienischem Vorbild erbaut. 1678 mit der Oper "Adam und Eva" von dem in Naumburg geborenen Komponisten Johann Theile eröffnet und bis 1738 bespielt.

Geistlichkeit bekämpfte Oper als "sittenwidrig"
Zunächst bekämpfte die orthdoxe Geistlichkeit das neue Opernwesen als sittenwidrig, bis nach einem Entscheid der Universität Wittenberg der Streit beigelegt wurde. Im Gegensatz zu den bestehenden höfischen Opern wurde die Gänsemarktoper von einer Gesellschaft verwaltet, die aus Ratsherren, Kaufleuten, Landwirten, Gesandten und einem Musiker bestand und jeder nach Entrichtung eines Eintrittsgeldes und nach Kauf des Opertextbuches besuchen konnte. Sie wurde für Reinhard Keiser mehr als 30 Jahre lang zur Hauptwirkungsstätte., die er als Komponist und Kapellmeister durch sein ungewöhnliches Schaffen und seine neuartig erscheinende Musik seiner Opern zu einer bewundernswerten Höhe führte. Von den etwa 250 neuaufgeführten Opern während des 60-jährigen Bestehens der Gänsemarktoper wurden in den Jahren 1697-1727 etwa 100 von Keiser komponiert.