Freiheit Hohenmölsen / 13.05.1980

 
Das kulturelle Erbe ist bei uns in guten Händen
Reinhard-Keiser-Ehrung 1980 in Teuchern


(VK Rudi Fabian) 1980

Heute setzen wir unseren Beitrag über den Reinhard-Keiser-Vortrag fort. (s. "Freiheit" vom 30. April)
Es war auch für uns neu, zu erfahren, dass Johann Sebastian Bach bereits 1713 Keisers Markus-Passion eigenhändig abgeschrieben hat und auch in seiner damaligen Wirkungsstätte in Weimar zur Aufführung brachte. Später, 1726 und 1749 brachte Bach sie dann in einer Überarbeitung auch in Leipzig heraus. Wird dabei beachtet, dass Bach 1713 selbst noch keine Passion geschrieben hat, dann wird der Einfluss, den Reinhard Keiser auf sein Schaffen hatte, noch offensichtlicher.

An den vergleichenden Musikbeispielen wurde deutlich, dass Keisers Markus-Passion unmittelbares Vorbild für Bachs Matthäus-Passion gewesen ist. Und auch in der Johannes-Passion ist die Quelle Reinhard Keiser nachweisbar. Für geübte Hörer dürfte es ohne genaue Werkkenntnis schwer sein, zu unterscheiden, welcher von den beiden Komponisten welches Werk geschrieben hat, wenn man es nicht in seiner Gesamtheit hört. Für mich liegt ein Unterscheidungsmoment darin, dass Keiser rhythmisch präziser ist. Da ist der auf Wirksamkeit bedachte und erfahrene Opernkomponist zu spüren. Bei Bach ist das alles breiter und fließender angelegt. Da ist der Organist zu erkennen. Das zeigt sich auch, oder besser besonders bei den Chören. Und was wir schon aus Keisers Opern kannten, tritt uns ebenfalls in seinen kirchenmusikalischen Werken und weltlichen Kantaten entgegen: Seine stark ausgeprägte lyrische Begabung.

Wenn es auch nur wenige Beispiele waren, die wir hören konnten, so zeigten sie uns doch, dass wir es mit Reinhard Keiser mit einem Komponisten zu tun haben, der einen starken Einfluss auf all die großen Musiker, die nach ihm kamen, ausgeübt hat. Es darf ja dabei nicht vergessen werden, dass Keiser ein Vierteljahrhundert vor Bach wirkte und dass es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine schnelle Entwicklung im künstlerischen Schaffen gab. Der Vortrag ließ uns erkennen, dass wir bei der Pflege des fortschrittlichen Erbes historisch denken lernen müssen, das Erbe aus seiner Zeit heraus zu begreifen. Tun wir dies, dann wissen wir immer mehr, dass wir mit der Pflege des Werkes von Reinhard Keiser einen wichtigen bedeutsamen Weg gehen.

Das bestätigte auch das 2. Kammerkonzert zu Ehren Reinhard Keisers am Sonntag, dem 11. Mai 1980, im Lichtspieltheater Teuchern. Ausführende waren die Solisten des Kammermusikensembles vom Puschkinhaus Halle unter der Leitung von Peter Freiheit. Darüber werden wir noch berichten.